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Gehirnwäsche oder die Welt mit anderen Augen sehen

Ich bemerke, wie ich anfange mich unwohl zu fühlen. Irgendetwas in mir sagt „Tu etwas, bevor du wieder abstürzt, zurück in die Depression fällst.“ Ich sehe mich um, normalerweise würde ich mich jetzt ins Bett zurückziehen und warten bis ich von einer Welle aus Traurigkeit überrollt werde, doch diesmal soll es anders sein. Es zieht mich tatsächlich nach draußen. Die Sonne scheint und ich gehe die Möglichkeiten durch, was ich alles tun könnte. „Einfach nur gehen bis ich keine Lust mehr habe?“, „Zur Post gehen?“, „Oder mich gar in die Stadt wagen? Ein bisschen unter Leute gehen, auch wenn ich keinen von ihnen kenne?“.

Ich entschließe mich für letzteres – ich brauche sowieso neue Socken. Und so ziehe ich mich an, ohne Gedanken daran zu verschwenden, was passieren könnte und gehe nach draußen. Ich atme tief ein, die Luft riecht nach Winter und die Herbstsonne taucht alles in ein weiches Licht. Ich mache mich auf den Weg, gehe langsamer als sonst, sehe nicht, wie sonst immer, nur auf den Boden vor mir, sondern versuche so viel wie möglich in mich aufzunehmen.

Ich sehe den Passanten ganz bewusst ins Gesicht, nehme mir vor zu lächeln, wenn jemand auch mich an sieht, denn ich möchte meine gute Stimmung teilen… und dann wird mir klar, dass ich mir Jahre lang etwas vorgemacht habe. Keine Sau interessiert sich für mich – und das im positivem Sinn. Die meisten Leute hetzen, haben nicht einmal Zeit um an der roten Ampel einen Augenblick inne zu halten und alles auf sich wirken zu lassen. Die Gesichter der meisten sind starr, sehen unglücklich aus und ich denke mir „Was ist nur los mit euch…? Die meisten von euch sind sicher gesund, wieso freut ihr euch nicht über den schönen Tag?“. Klar – ich fühle mich nicht so nach dem Motto „Yay, Menschenmassen sind mein Leben!!!“, aber es ist okay wie es ist – ich habe keine Angst.

Manchmal streift mich doch ein Blick, meist von jüngeren Schülerinnen, doch sie registrieren mich einfach nur. An ihren Gesichtern kann ich ablesen, dass sie mich einfach nur wahrnehmen und mich nicht bewerten – ich bin ihnen egal, so wie sie mir egal sind. Niemand sieht mir hinterher. Niemand denkt, wie scheiße ich doch aussehe. Niemand denkt etwas schlechtes über mich, denn in ihrer Welt existiere ich eigentlich überhaupt nicht…

Und dann passiert es doch. Ein halbstarker, dämlich grinsender Typ, hält direkt auf mich zu und ich bin von mir selbst überrascht. Ich gehe einfach weiter, weiche nicht aus und streife ihn nur mit meinem Blick, den er ist mir sowas von egal. Es interessiert mich einfach nicht, was er über mich denkt, falls er das überhaupt tut und bevor Panik in mir ausbrechen kann, bin ich schon vorbei.

Im Laden streife ich ruhig durch, sehe mir alles an, kaufe ein und mach mich dann gemütlich auf den Rückweg. Ich lasse mir bewusst Zeit und als ich an der Ampel stehe, an der ich gewöhnlich nie stehen bleibe, zähle ich die verschiedenen Farben der Häuserfronten, die in dieser Straße stehen – es sind 10. Dann verreckt auf der Kreuzung der Motor eines Autos und ich freue mich, auch noch schadenfroh sein zu können (jetzt hat sich mein Ausflug so richtig gelohnt…).

Man könnte nach diesem Text tatsächlich meinen, ich hätte mich einer Gehirnwäsche unterzogen – teilweise kommt es mir selbst so vor, wenn ich meinen Gedankengängen lausche. Aber ich denke, für diese Gehirnwäsche bin ganz allein ich verantwortlich. Ich habe es geschafft, mein Weltbild zu verändern und sehe die Welt mit anderen, offeneren Augen. Niemals hätte ich das für möglich gehalten… Der Spruch „Lass es dir gut gehen“ nimmt nun eine ganz andere Bedeutung für mich ein, denn ich muss das gute Gefühl nur zulassen. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass das garantiert nicht immer funktionieren wird. Eine Heilung ist nun mal nicht möglich.
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Wie ich nun Blog und Kliniktagebuch in Einklang bringe weiß ich noch nicht. Ich habe mich dazu entschieden, nicht jeden einzelnen Tag zu veröffentlichen. Möglicherweise schreibe ich Wochenzusammenfassungen, aber ich werde mir noch Zeit lassen damit.

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10 Kommentare zu “Gehirnwäsche oder die Welt mit anderen Augen sehen

  1. Wow. 🙂 Du hast in kurzer Zeit so wahnsinnig viel geschafft.
    Ich freue mich für dich. Selbst wenn es nicht immer so rund läuft wie an diesem Tag, es wird besser und besser und besser….

    LG

  2. Hey Tajaaschatz. Das liest sich wunderbar! Du hast nen riesen Schritt gewagt, und ganz ganz viel Geschafft. Ich bin unglaublich stolz auf dich und ich freu mich ganz ganz arg für dich! ❤

  3. Hallöchen liebe Tialda,

    schön von Dir zu lesen und das was Du so beschreibst klingt wirklich KLASSE!
    Ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen,
    das hast DU geschafft und darauf kannst Du wirklich stolz sein.
    Auch wenns Dir vielleicht schwer fällt, ich kenn das selber, etwas anzunehmen zum Beispiel…

    Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag 😉
    Hier scheint die Sonne…

    LG Tanja

  4. Pingback: Erwachsen. « Willkommen in der Svüchiatrie!

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