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Tröstliche Heimat

Wie man merkt, bin ich schon wieder völlig im Streß. Ich bin über dem verspäteten Frühjahrsputz, komme mit dem Lesen meiner Rezensionsexemplare kaum hinterher, versuche Diät zu halten (was mir diese Woche so überhaupt nicht gelungen ist) und habe einige Ideen im Kopf, die ich nachdem ich die Wohnung geputzt habe mit Leder, Stoff und Wolle umsetzen möchte – ich will endlich wieder kreativ werden. Dazu kommt noch die Hitze die mich träge macht und natürlich die Medikamente, die mich wertvolle Zeit verschlafen lassen.

Trotzdem habe ich es Montag geschafft, mit meinem kleinen, mich überragendem, Bruder endlich das violette Bücherregal im Schlafzimmer aufzuhängen (jaha, ich hab sogar ganz allein die Löcher in die Wand gebohrt : D – und hatte einen Heidenspaß dabei) und danach konnte ich ihn noch überreden mich mit nach M-reuth zu nehmen, dem Dorf in dem ich aufgewachsen bin und in dem der wichtigste Teil meiner Familie lebt, und mich nach ein paar Stunden wieder „heim“ zu fahren.

Als wir ankamen, gabs bei Oma zufällig mein Lieblingsgericht, Spagetti Bolognese, danach haben meine Tante und ich mit Oma Rezepte aussortiert, welche sich ständig Rezepte aus Zeitschriften reißt, sie nie nachkocht, aber auch nicht wegwerfen kann und außerdem konnte ich Oma noch überreden, mit meinem Bruder und mir auf den Dachboden zu gehen. Ich war seit Jahren nicht mehr dort oben und es ist ein „richtiger“ Dachboden. Mit ganz viel Staub, trübem Licht und Dingen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Früher, als ich noch ein kleines Kind war, hatte ich furchtbare Angst davor, an der aus Latten zusammengezimmerten Dachbodentür vorbei zu gehen. Ich war überzeugt davon, dass dort oben eine böse Hexe haust und Kinder zu sich nach oben zieht, wenn man vorbei geht. Deshalb rannte ich immer so schnell ich konnte über den Gang, wenn ich ins Obergeschoss des Bauernhauses musste. Solange ich den langen Gang entlang gehen musste um zu einem der vielen Zimmer zu kommen, kribbelte es an meinem Rücken und ich fühlte mich irgendwie, als würde ich gejagt und offen gestanden gehe ich auch heute noch äußerst ungern alleine nach oben. Aber das ist ohnehin nicht nötig, denn das gesamte Leben spielt sich im Erdgeschoss in der großen Küche ab.

Jetzt hab ich mich total verquatscht. Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich eben mit Oma und Timo (meinem Bruder) auf den Dachboden wollte um nach alten Dingen, die ich für meine Wohnung brauchen kann, zu suchen. Ich war hauptsächlich auf Ikonen, also diese oberbunten, kitschigen Heiligenbilder aus. Davon waren auch welche da, aber leider viel zu groß, als dass sie in meine kleine Wohnung passen würden ohne mich wie einen religiösen Fanatiker wirken zu lassen. Dafür habe ich aber etwas anderes gefunden. Drei Postkarten aus den 60ern, die an Omas Schwester gerichtet und deren Texte wunderschön aus dem Leben gegriffen sind und ein kleiner Schlüssel, den ich zu irgendeinem Schmuckstück verarbeiten möchte.

Nach dem Wühlen in anderen Zeiten, setzten wir uns noch etwas auf die Bänke vor dem Haus. Als Kind habe ich mein Leben dort nicht geschätzt, die heimelige Wärme in der Herznähe nicht gespürt, die ich jetzt, 15 Jahre später, spüre. Vielleicht, weil es damals selbstverständlich war, oder weil ich damals dort lebte und wenn man wo lebt, sind die Probleme inklusive. Aber ich saß auf dieser Bank und wäre am liebsten nie mehr wieder aufgestanden. Der laue Abend, der Blick auf den nahen Wald, die Idylle des 50-Seelen-Dörfchens, der göttliche süße Duft nach frischem Heu, der ganz eigene Dialekt und die Anwesenheit meiner Lieben.

Am liebsten würde ich meine Wohnung nehmen und sie irgendwo dort platzieren… Doch würde mir das wohl nach einiger Zeit das Genick brechen, denn wo ein Ort an einer Stelle so wunderschön sein kann, kann ein paar hundert Meter weiter ganz andere Erinnerungen wachrufen…

 

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7 Kommentare zu “Tröstliche Heimat

  1. Hatte beim Lesen das Gefühl, das ich auch dabei war und dabei quetschte sich eine Träne ins Freie 🙂
    Freut mich sehr, dass ihr eine paar tolle Stunden dort hattet.

  2. Ui Tajaa…. Warst also ‚daheim‘. Ich versteh dich da voll und ganz, was hab ich mich in dem Dorf immer wohl gefühlt, wenn ich bei dir war. Hatten aber auch immer spaß dort. Deine Oma ist eh ne wunderbare und warmherzige Frau, genauso wie deine Tante 🙂 die Babysitting-Tage waren eh immer absolut genial 🙂
    Die Kids sind inzwischen wahrscheinlich eh scho riesig 🙂 … Zu gern würd ich a mal wieder dahin…. Und…hüstel… Nach Hö*hust*.

  3. ooh..so einen Dachboden hätte ich auch gern irgendwo zum durchstöbern! Was machst du denn mit Ikonen? Und was machst du so schönes aus Wolle, Leder etc.???

    • Aus dem Leder würd ich gern ne Handtasche machen, bei den Stoffen schweben mir Kissen in außergewöhnlichen Formen vor (z.B. Fledermaus) und mit der Wolle würde ich gern anfangen zu Stricken und zu Häkeln. Aber da ich mit all den Sachen zum letzten Mal in der 7. Klasse gearbeitet habe, fällt mir der Einstieg extrem schwer. Ich glaube, das Problem ist wirklich das Anfangen an sich.

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