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Anatomie einer Panikattacke

Ich fühle mich mies. Wir wollten gerade einkaufen fahren und es entstand eine Panikattacke. Ich bin mir nicht sicher, wann der Startschuss dazu gegeben wurde. Entweder schon, als wir noch daheim waren und mich Martin etwas unwirsch anging und ich daraufhin traurig den Kopf einzog, weil ich keine Muse für eine Konfrontation hatte oder spätestens dann, als ich bei den Glascontainern ein ziemlich fettes Mädchen sah, das einen extrem großen… Arsch hatte und ein großes Bandshirt trug, das sie beinahe komplett ausfüllte. Dabei wirkte es, als hätte sie keinen BH an, was sie aber schätzungsweise doch hatte (bei so einem Gewicht ist ein BH unerlässlich) und das Gesicht war durch ein extremes Doppelkinn entstellt. Mich auf der sicheren Seite wähnend fragte ich Martin, ob ich so schlimm aussehen würde und er meinte „Ja… könnte schon hinkommen.“ Spätestens da war der Grundstein für das Desaster gelegt.

Die Aussage wirbelte durch meinen Kopf, bis ich schließlich trotzig hervorbrachte, dass ich gar nicht so schlimm aussehen würde und er sagte, er habe das Mädchen nur flüchtig angesehen. Wir fuhren weiter in Richtung Bank und plötzlich sah ich irgendwie nur noch fette Leute auf den Gehsteigen. Ich fühlte mich langsam irgendwie unbehaglich und sagte, dass ich lieber wieder heim wollen würde und er meinte „Ja ok… lass mich nur noch schnell Geld abheben.“ Ärgerlich darüber, dass er einfach so klein bei gab beobachtete ich eine  dicke Frau am Automaten. „Immer wenn ich dicke Menschen sehe, sehe ich darin mich…“ Seine Antwort: „Du solltest aufhören, dich mit anderen zu vergleichen.“ Wir kamen dran und ich beobachtete eine andere korpulente Frau, die durch den Regen zu ihrem Auto rannte. Hinterher rannte ein ganz ansehnlicher, schlanker Typ. Mir kam wieder der Wortwechsel von vor ein paar Minuten an der Ampel in den Kopf… „Was willst du eigentlich mit mir…“, „Ich liebe dich.“, „Aber ich bin nicht schön…“, „Doch – du bist schön.“ Aber ich weiß, dass er damit nur mein Gesicht meint und das genügt mir nicht.

Nachdem wir Geld abgehoben hatten, fuhren wir weiter und er ordnete sich auf der Spur Richtung Geschäfte, anstatt in Richtung nach Hause ein. Ich fragte mich, ob er meine Aussage schon wieder vergessen hatte und schaute nervös zwischen ihm und der anderen Spur hin und her. „Willst du jetzt heim?“ … … „Ich… …weiß es nicht.“ Weinerlichkeit im Anmarsch. Er fährt weiter in Richtung Läden. Mir wird immer unwohler. „Bitte fahr mich heim…“ – „Jetzt sind wir schon so nah… du kommst jetzt einfach mit einkaufen.“ Ich beginne schneller zu atmen. „Nein! Ich kann nicht!! Bitte! Heim!“ – „Du schaffst das schon. Ich bin ja dabei.“ Jetzt fühlt es sich an, als würde etwas in meine Kehle stecken – der berühmte Klos im Hals ist da, Tränen beginnen zu fließen. „Martin! Ich schaff das nicht! Ich muss heim! Alle kuken mich an!!“ – „Aber jetzt sind wir doch schon da. Wir lassen dir noch etwas Zeit zum beruhigen und dann gehen wir rein.“ Ich fühle mich mittlerweile, als wäre ich nackt. Viele Leute sind auf dem Parkplatz unterwegs. Ich verstecke mein Gesicht hinter einem Teil des Gurtes und flehe „Wenn du mich liebst, dann bringst du mich heim!“ – „Im Gegenteil. Ich liebe dich und weiß, dass du es schaffst. Du hast es in den ganzen letzten Wochen auch geschafft.“ Ich heule weiter, verstecke mein Gesicht mittlerweile hinter einer Hand „Bitte… Heim…“

Und schließlich gibt er nach. Wir fahren weiter. Und ich weine weiter. Es fühlt sich an, als hätte ich einen großen Stein im Hals, so schmerzt meine Kehle. Ich äußere dies und bekomme zur Antwort, dass er das nicht ernst nehmen kann. Es sei irrational. Der Schmerz sei psychosomatisch durch die Panikattacke. Ich denke erbost „Als ob ich das nicht selbst wissen würde..“ und der Prozess der Scham setzt ein. Den Rest des Heimwegs presse ich mir beide Hände vors Gesicht, weine weiter. Auf die Frage ob ich meinen Schlüssel dabei habe, kann ich nicht antworten, obwohl ich die Antwort kenne. Das simple „Ja“ findet den Weg von meinen Gedanken aus einfach nicht nach draußen. Dafür steigere ich mich jetzt auch noch in „Wir könnten einen Unfall haben“ hinein. Die Tatsache, dass ich mir die Augen zuhalte verstärkt den Effekt noch. Und endlich stehen wir vor unserem Haus. Ich weine immer noch, beginne mich jetzt zu hassen und bin nicht einmal mehr in der Lage alleine aus dem Auto zu steigen, bin wie gelähmt und schäme mich, weil ich weiß, dass Martin so langsam ärgerlich geworden ist.

Nach weiteren dramatischen Minuten stehe ich alleine in der Wohnung. Ich ziehe mir die Stiefel aus,  bin tierisch wütend auf mich und fühle mich gleichzeitig sehr verletzlich. Ich habe das Bedürfnis mir wehzutun, auszuflippen und zu kreischen. Aber dazu bin ich zu feige – also gehe ich zu Morli, die auf dem Fensterbrett liegt, hebe sie hoch und drücke mein tränennasses Gesicht in ihr tröstlich nach Katze duftendes Fell. Obwohl das nur kurz möglich ist, weil sie dann gleich wieder ganz dringend weg muss und sich freistrampelt, hilft es mir ein bisschen. Dann fresse ich eine verdammte Nussecke, trinke Wasser und zieh mich mit meinem Tagebuch ins Bett zurück, wo ich mich geborgen fühle, um die Panikattacke zu rekonstruieren, was mir offenbar gelingt bzw. gelungen ist.

Jetzt fühle ich mich zwar noch etwas angeschlagen, habe mich aber zumindest beruhigt. Gedauert hast das Spektakel in etwa eine Stunde.
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Tagebucheintrag am 21. Mai 2011

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6 Kommentare zu “Anatomie einer Panikattacke

  1. „Ich fühlte mich langsam irgendwie unbehaglich und sagte, dass ich lieber wieder heim wollen würde und er meinte „Ja ok… lass mich nur noch schnell Geld abheben.“ Ärgerlich darüber, dass er einfach so klein bei gab beobachtete ich eine dicke Frau am Automaten.“

    Wieso warst du darüber ärgerlich?

  2. Auch wenn das wahrscheinlich jetzt total kontraproduktiv ist, sag ichs trotzdem: ich finde Deinen Freund irgendwie ziemlich unsensibel. :/ Wahrscheinlich ist ers gar nicht und er scheint Dich ja auch wirklich zu lieben, normalerweise hauen Männer bei psychischen Problemen ja recht schnell ab, aber mir kam es gerade einfach so grobklotzig vor…

    LG,
    Monster

    • Mja.. war er an dem Tag auch. Mittlerweile haben wir darüber gesprochen… er fühlte sich auch nicht besonders wohl. Das „Problem“, wenn es um mehr Menschen als um einen allein geht, ist wohl, dass man nie so recht weiß, wie sich der andere gerade fühlt und wenn man diesen dann in so einer Situation grad auf dem falschen Fuß erwischt hat man den Salat…

  3. Ich finde, dass es absolut keine Rolle spielt wieso dich diese Situation verärgert hat, obwohl ich es mir vorstellen kann.

    Viel wichtiger ist es, dass du dich mit der Panikattacke anschließend auseinandergesetzt und sie in ihre Einzelteile zerlegt hast.

    hdl ❤

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